Sauerteig als Architekt
Was entsteht, wenn Gestaltung an einen lebenden Prozess übergeben wird?
Im Projekt »Fermentation und keramische Fixierung« untersucht die Künstlerin Julia Rückert, wie selbstorganisierte Strukturen, die durch lebende Prozesse entstehen, in keramische Materialien überführt und dauerhaft sichtbar gemacht werden können. Ausgangspunkt ist Fermentation als zeitbasierter Vorgang, bei dem Mikroorganismen innere Strukturen ausbilden, ohne dass deren Form direkt entworfen oder gesteuert wird.
Als Modellsystem dient Sauerteig – ein seit Jahrtausenden genutztes Kulturgut, eng verbunden mit Sesshaftwerdung, Getreideanbau und der Weitergabe von Wissen. Während der Gärung organisieren Mikroorganismen innerhalb einer plastischen Masse eine unregelmäßige innere Ordnung aus Hohlräumen, Kanälen und tragenden Zonen.
Durch die Einbringung mineralischer Anteile (Ton/Porzellan) in fermentierende Teige entstehen hybride Materialien, deren innere Struktur sich während des Gärprozesses ausbildet. Erst durch diese Mineralisierung werden die porösen gewachsenen Strukturen stabilisierbar und in ein keramisches Materialsystem überführbar. Der Prozess erinnert an biologische Vorbilder wie Korallen oder Schwämme, die ihre mineralischen Gerüste schrittweise aus lebenden Prozessen heraus aufbauen.
In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme werden ausgewählte Proben materialwissenschaftlich untersucht und durch keramische Sinterung dauerhaft fixiert. Flüchtige, zeitbasierte Prozesse werden so in stabile materielle Zustände überführt.
Die Projektergebnisse werden in einer Installation erfahrbar gemacht: keramisch fixierte Strukturen, Querschnitte und Materialstudien werden durch bildgebende Verfahren und fotografische Dokumentation ergänzt. Die Arbeit lädt dazu ein, Gestaltung als Zusammenspiel von Material, Zeit und Prozess neu zu denken.